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Schlösschen Louisensruh - Aystetten

Der Bankier und Besitzer von Schloss Aystetten, Christian von Münch d. J., schenkte um 1784 seinem engen Freund Sebastian Andreas Balthasar von Hößlin die Wiese “Zu den drei Pappeln” oberhalb seines Schlosses Aystetten.

Auf dem Grundstück errichtete von Hößlin zunächst eine kleine Schutzhütte, die kaum für 6 Personen zum Sitzen reichte und da sie von Holz gebaut war fiel sie vermodert zusammen.
Kurz nach der Heirat mit Louise von Schnurbein am 18. Juni 1792 begann Sebastian v. Hößlin mit der Planung für ein neues, repräsentatives Landhaus vor der Toren der Stadt.
Das bis heute weitgehend unveränderte Schlösschen ist ein eingeschossiger Bau, der durch ein modernes französisches Mansardwalmdach ein zweites, voll ausgebautes Geschoss bekam.
Sebastian von Hößlins fragmentarisch erhaltene Tagebücher geben Einblick in den Bauverlauf.
Ab März 1793 ritt er fast täglich mit seinem Bruder Philipp (”Pippo”) nach Aystetten, um den Bau auf der Ruh persönlich zu überwachen. Er sorgte sich um den Brunnen für Brauch- und Trinkwasser, erwarb das Bauholz und beklagte sich über den schleppenden Verlauf der Bauarbeiten, die tatsächlich aber rasch voran gingen. Im Mai war bereits Hebauf, am 10. Juni wurden vom Schreiner die Dielenböden verlegt, am 20. Juni brannte zum ersten Mal Licht. Am 24. des Monats besuchte die ganze Familie das neue Etablissement und befriedigt vermerkte Hößlin: Es wurde alles sehr gut aufgenommen und machte viel Freude. Wir waren den ganzen Tag recht vergnügt.
Einen Monat später, am 25. Juli, gab Sebastian Andreas Balthasar von Hößlin, unterstützt von Bruder Pippo, ein großes Eröffnungsfest. Sein Tagebuch schildert knapp die Freuden und Leiden eines Gastgebers:

Früh um 8 Uhr kamen alle Herren 17 an der Zahl. Ich ließ Boiler loß brennen wovon sie nichts wußten. Man trank Cafe, dann ging man spazieren einige spielten, und ich besorgte. Man ging um 12 Uhr zum essen alles war vergnügt und zufrieden. Bis auf den Arbauer, dem wahr das Essen zu schlecht welches er auch laut... Nach Tisch trank man Cafe dann wurde allerhant Spaß getrieben gesprungen und geloffen, geschickt und gehindert. Um 4 Uhr kamen 3 Frauenzimmer von ungefehr Madam Arbauer M. Frilos um 9 Uhr speiste man, um 10 Uhr wieder Feuerwerk um 11 Uhr fuhren alle fort es schien alles recht vergnügt gewesen zu seyn. Die Schererey die ich und der Pippo hatten ist nicht aus.

Von diesem Tag an wurde Louisensruh zum beliebten Ausflugspunkt der Augsburger Gesellschaft und zum sommerlichen Refugium der Familie von Hößlin. Der Name Louisensruh beschreibt zusammen mit dem Leitspruch über dem Eingang den Charakter des Schlösschens: Ruhe und Freude dem Freunde mit mir in Louisensruh.
Das Schlösschen birgt noch heute viel originale Ausstattung, vor allem die wandfest verbauten Möbel, Betten und Vertäfelungen. Alles ist praktisch und zweckdienlich eingerichtet worden für den Aufenthalt im Sommer, mit genügend Schlafgelegenheiten für die eigene Familie und für Freunde. Ein großer Nutzgarten für Obst und Gemüse unterhalb des Hauses ermöglichte die Grundversorgung; ein in Holz gebauter Pavillon und eine Kegelbahn luden zu Kurzweil ein. Doch das eheliche Glück in Louisensruh dauerte nur fünf Jahre: Im Februar 1798, im Alter von erst 23 Jahren, starb Louise von Hößlin. Die folgenden Sommer verbrachten der Witwer und seine beiden fünf- und dreijährigen Töchter allein im neuen Schloss. Jeden September kehrten sie wieder in das gotische Stadthaus der Familie in Augsburg zurück.
Einen neuerlichen gesellschaftlichen Höhepunkt erlebte das Schlösschen, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts Hortense de Beauharnais Residenz in Augsburg genommen hatte und dabei auch Louisensruh besuchte.
Hortense war mit dem Bruder ihres Stiefvaters, Kaiser Napoleon, verheiratet. Nach der Niederlage Napoleons bei Waterloo floh sie nach München zu ihrem Bruder Eugene de Beauharnais, der dort mit der bayerischen Königstochter Amalie verheiratet war. Als auch in München der Stern der Napoleonischen Dynastie unterging, bestimmte ihr Bruder Augsburg zu ihrem neuen Domizil. Während ihres fünfjährigen Aufenthalts in Augsburg unternahm sie mit ihrem Sohn, dem späteren französischen Kaiser Louis Napoleon, mehrfach Ausflüge nach Louisensruh.
In den Erinnerungen der Familie Hößlin ranken sich noch heute um die Aufenthalte des jungen Louis Napoleon einige Geschichten: Mal warf der vornehme Herr mit einem Apfel eine Fensterscheibe ein, mal zitterte er vor schaurig erzählten Gespenstergeschichten die bis heute überliefert sind.
Schon während des Baus beschäftigte sich der Bauherr auch mit der Anlage seines Gartens. Dazu stand ihm zunächst nur das Münchsche Wiesengrundstück zur Verfügung. Im Laufe von acht Jahren kaufte Balthasar von Hößlin weitere Flächen dazu. Stück für Stück erweiterte er die Gartenanlage zu einem kleinen Themenpark, wie es der Mode und der Leidenschaft seiner Zeitgenossen für sentimentale, das heißt durch Empfindsamkeit geprägte Landschaftsgärten, entsprach. 1795 wurde mit der Anlage einer Kegelbahn begonnen, die, unterbrochen vom 1. Koalitionskrieg gegen Napoleon 1796, erst 1797 fertiggestellt werden konnte. Dafür ebnete man auf dem ansteigenden Gelände ein Plateau ein. Die gekieste Bahn wurde von einem Tisch und zwei Bänken gesäumt, an denen man bei schönem Wetter zu Mittag aß; bei schlechtem Wetter zog man sich in das Zelt am Ende der Kegelbahn zurück. Zu einer der romantischsten Sitzgelegenheiten zählte das so genannte Rosenbergl. Hinter den Wirtschaftsgebäuden verlief ein kleiner Pfad in Richtung Wald. Bei der abgrenzenden Hecke hatte man einen kleinen Hügel aufgeschüttet, auf dem eine kleine Bank stand. Die Erhebung war ringsum mit Wildrosen und Brombeeren bepflanzt. Der Tempel der Freundschaft befand sich auf einer erhöhten Stelle hinter dem Schlösschen. Wann dieser Tempel erbaut und welche Materialien dabei verwendet wurden, ist nicht überliefert. Es liegt die Vermutung nahe, dass er aus Holz gefertigt war, denn diesem Gebäude war keine lange Lebensdauer beschieden.
Den Übergang zwischen gepflegter Parklandschaft und Wald leitete das Wäldchen hinter der Kegelbahn ein. Mehrere Wege durchzogen einen lichten Mischwald aus Obst- und verschiedenen Laubbäumen. Stieg man den Hügel hinter der Kegelbahn hinauf, gelangte man über eine Treppe auf einen viereckigen Platz. Mitten auf diesem Platz befand sich ein ebenfalls viereckig aufgeschütteter Hügel, der als Basis für einen 1830 errichteten Obelisken diente. Der hölzerne Obelisk trug folgende Widmung, die der mit Sebastian von Hößlin befreundete Pfarrer Johannes Zorn verfasst hatte:

Tausend siebenhundert und fünf und achtzig erschuf mich aus Wäldern
hier zum freundlichen Sitz fester beharrlicher Fleiß
Siehe! Ich hab sie belohnt des Gründers redliche Mühe
Schöner verflossner Zeit hat er dieß Denkmal geweiht.
Freude spend ich so gerne, Im Schoße des ländlichen Friedens,
Freu sich die Jugend voll Lust, Freue das Alter sich hier!
Drum sei herzlich willkommen, wer fern vom Gewühle der Städte
Ruhe und Freude sich sucht hier auf Louisensruher Flur.


Direkt neben dem Wohnhaus und größer als dieses selbst errichtete er das Ökonomiegebäude.
Der anspruchsvollen architektonischen Form folgten bald neue, teils gewagte ökonomische Experimente: Aus Ulm wurden 1793 eigens Tirkisch Korn (Mais) und Welsche Samen (Buchweizen) bezogen, und nach 1800 befasste sich Sebastian zusammen mit seiner Tochter Louise mit der Zucht von Seidenraupen. Die Familie wusste aber noch mehr wirtschaftliche Vorteile zu nutzen. Seit 1808 betrieb von Hößlin in Louisensruh eine Steingut-Fabrik mit einem großen Brennofen nach englischer Bauart (einem so genannten Wedgewood-Ofen), die 1810 um eine Ziegelei erweitert wurde. Die Steinguth-Fabrique Louisensruh gehört in ihrer arbeitsteiligen Struktur zu den frühesten Beispielen einer industriellen Fertigung in Bayern.
Neben Gebrauchskeramik hatte man hier vor allem so genannte Selterswasserkrüge produziert, in die auch Mineralwasser aus Louisensruh zum Verkauf abgefüllt wurde. Die Fabrik produzierte bis um 1867, musste dann aber — nach Ausbeutung des Materials und wegen Feuergefährlichkeit — stillgelegt und abgebrochen werden.
Sebastian von Hößlin wurde Baudirektor der Stadt Augsburg. Wie passend, dass ihn die Nachricht von seiner Berufung in Louisensruh ereilte.
Außer der Fabrik ist das Ensemble bis in Details der Ausstattung der Wohnräume erhalten und wird bis heute von seinen Nachkommen genutzt.


Quelle: Landsitze Augsburger Familien ISBN 3-422-06574-1
Teile der Quellangaben wurden von Gerhard v. Hößlin (ELF: M-5636 korrigiert)

 

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